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Von historischen Webstühlen und endlosen Bändern

Altes Handwerk und alte Maschinen finde ich fast genauso faszinierend wie alte Gärten. Können doch alte Maschinen oft eine ebenso wechselvolle Geschichte erzählen, wie alte Park- oder Gartenanlagen. Wir hatten vor einiger Zeit die Gelegenheit, die Bandweberei Kafka in Wuppertal, die gleichzeitig Museum und produzierendes Gewerbe ist, zu besuchen.

Die Geschichte der Weberei im Tal der Wupper geht auf das Jahr 1527 zurück, als die Städte Barmen und Elberfeld das Monopol erhielten, Garne zu bleichen und zu verkaufen. Damals siedelten sich in der Region Bleicher, Färber, Webereien und Maschinenfabriken an. Bis zu 80 Prozent der Bevölkerung lebten im 19. Jahrhundert von der Weberei.

Die Bandweberei Kafka geht aus einer Weberei in Wuppertal-Langerfeld hervor, die 1898 als „Mietfabrik“ gegründet wurde. Seitdem rattern die liebevoll gepflegten Jacquard-Webstühle und produzieren wunderschöne, endlose Wäschebänder und Etiketten. Anfang der neunziger Jahre konnte die Weberei nicht mehr effizient betrieben werden, und es drohte das Aus. Gerettet wurde sie von Frauke Kafka, einer diplomierten Textildesignerin. Sie hatte ihr Herz an das alte bergische Haus mit den Webstühlen verloren. Ihre „Mitgift“ war eine große Sammlung historischer Webmuster, die sie aus Spaß an der Freud jahrelang gesammelt hatte. Kurzerhand übernahm sie die Weberei, machte sich selbstständig und begann, mit drei Mitarbeitern die historischen Muster in einer einmaligen Kollektion neu zu entwickeln. In den folgenden 20 Jahren begann sie zudem, eigene Entwürfe für Webbänder umzusetzen.

Für ein Motiv werden bis zu 850 einzelne Lochkarten aus Pappe benötigt, die von den Webern in einer speziellen Maschine – dem Kartenschläger – hergestellt werden. Diese einzelnen Pappkarten werden dann zu einem Endlosband zusammengenäht und in mühevoller Arbeit auf einem Webstuhl installiert. Danach beginnt das eigentliche Weben und Einrichten des Webstuhls. Die farbigen Garnspulen werden eingelegt, der Webstuhl liest die Vorgaben der einzelnen Pappkarten nacheinander aus, und nach ein paar Zentimetern zeigt sich dann das Muster der Bänder.

Die Erfindung des Franzosen Joseph-Marie Jacquard revolutioniert 1806 die Weberei. Die bisher übliche Nockenwalze wird durch das Endlosprinzip der Lochkartensteuerung ersetzt. Die Kettenfäden müssen nun nicht mehr mühsam von Hand gezogen werden. Ein Loch in einer Karte aus stabiler Pappe bedeutet Fadenhebung, kein Loch heißt Fadensenkung. Genial einfach und einfach genial. Das Prinzip setzt sich durch: Bereits 1812 arbeiteten in Frankreich ca. 18.000 Jacquard-Webstühle. Der älteste Jacquard-Webstuhl in der Bandweberei Kakfa ist aus dem Jahr 1882.

Wegen der ständig anwachsenden Sammlung von Bändern, Literatur und Anschauungsmaterialien werden die Räumlichkeiten in der alten Weberei zu klein. Um mehr Freiraum zu schaffen, zieht die Weberei Kafka 2010 an den heutigen Standort um. Nun wird sie unter der Geschäftsführung von Christine Niehage weitergeführt. Aktuell sind über 400 verschiedene Muster oder Motive erhältlich, die auch über einen Shop im Internet verschickt werden.

Ich bin vor fast 24 Jahren durch einen Artikel in einer Frauenzeitschrift auf die Bandweberei Kafka aufmerksam geworden. Damals habe ich mir meine erste Küche eingerichtet, und in besagtem Artikel war ein zauberhafter Vorschlag für Küchengardinen mit Wäschebändern aus Wuppertal. Diese Idee habe ich umgesetzt und seitdem die Geschicke der Weberei immer ein bisschen im Auge behalten. Sogar die alte Anleitung hob ich noch auf. Da ich sie immer noch wunderschön und zeitlos finde – hier ein Foto.

Für die Gardine aus weißem Batist sind der Clou die einmal oben und unten aufgesteppten, 2,5 cm breiten Wäschebänder und vor allem aber die Schlaufen, an denen der Vorhang aufgehängt wird. Dafür werden an die Oberkante in Abständen von 35 cm je zwei 90 cm lange Wäschebänder genäht. Diese werden dann so um die Gardinenstange gebunden, dass die Bandenden lang herunterhängen.

Einen Besuch der alten Bandweberei können wir Euch empfehlen, wenn Ihr einmal in Wuppertal unterwegs sein solltet. Mich hat beeindruckt, wie sehr das ganze Gebäude vibriert, wenn die Webstühle arbeiten, und wie laut das Rattern ist – ein eigener Rhythmus der Maschinen. In dem kleinen Lädchen könnt Ihr fündig werden und wundervolle Bänder und Etiketten erwerben, um zum Beispiel Servietten, Sets, Deckchen, Kissen oder Bettwäsche und auch Kleidung herzustellen.

An jedem 2. und 4. Samstag im Monat hat die Bandweberei Kafka für Besucher von 10 – 14 Uhr geöffnet.

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