Schreiberei

Ode an die Dinge

Ein absolutes Highlight im Jahresverlauf der Beetschwestern ist das Frühlings- und Herbst-Gartenseminar in der Landvolkshochschule Freckenhorst. Auch in diesem Jahr war das Programm wieder sehr vielfältig und interessant. Immer noch, nach vielen Jahren, können wir Neues mit nach Hause nehmen und planen gedanklich bereits auf dem Seminar neue Projekte.

Was mir unter anderem in Erinnerung blieb, war der Hinweis von Rainer Wahl auf ein Gedicht aus Pablo Neruda “Seefahrt und Rückkehr“. Ein lyrisches Werk, welches die Besonderheiten alltäglicher Dinge hervorhebt.

Rainer Wahl ist Gärtner und Obstspezialist. Er hielt ein Referat über seine langjährige Erfahrung im Erziehungs-, bzw. Pflegeschnitt von Spalierobst.

Ode an die Dinge

Ich liebe die Dinge über alles,

alles.

Ich mag die Zangen,

die Scheren,

ich schwärme

für Tassen,

Serviettenringe,

Suppenschüsseln –

vom Hut

ganz zu schweigen.

 

Ich liebe

alle Dinge,

nicht nur

die höherstehenden,

sondern

auch

die un-

end-

lich

kleinen,

den Fingerhut,

Sporen,

Teller,

Vasen.

 

Bei meiner Seele,

ist der Planet

schön,

voller Pfeifen, die

von Händen

durch den Rauch

geführt werden,

voller Schlüssel,

voller Salzfässer,

voll von

allem,

was von Menschenhand erschaffen, allen Dingen:

die Rundungen am Schuh,

den Geweben,

der zweiten

diesmal unblutigen

Geburt des Goldes,

den Brillen,

den Nägeln,

den Besen,

den Uhren, den Kompassen,

dem Kleingeld, der weichen

Weichheit der Stühle.

 

Ah, soviel

reine

Dinge

hat der Mensch

entworfen,

aus Wolle,

aus Holz,

aus Glas,

aus Stricken –

Tische, wunderbare Tische,

Schiffe, Leitern.

 

Ich liebe

alle

Dinge,

nicht weil sie

brennen

oder

duften,

sondern

ich weiß nicht warum,

weil

dieser Ozean dir gehört,

mit gehört:

Die Knöpfe,

die Räder,

die kleinen

vergessenen

Schätze,

die Fächer,

in deren Federn

die Liebe ihre

Orangenblüten

wehte,

Gläser, Messer,

Scheren –

auf allem

am Griff, am Rand,

eine Fingerspur,

die Spur einer entrückten,

ins vergessenste Vergessen

versunkenen Hand.

 

Ich gehe durch die Häuser,

Straßen,

Fahrstühle

und berühre dabei Dinge,

erkenne Gegenstände,

die ich insgeheim begehre:

mal weil sie läuten,

mal weil sie

so weich sind

wie die Weichheit einer Hüfte,

dann wieder, weil sie wie tiefes Wasser

gefärbt oder dick wie Samt sind.

O unumkehrbarer

Strom

der Dinge,

keiner kann sagen,

ich hätte nur

die Fische

geliebt

oder die Gewächse des Urwalds und der Wiesen,

ich hätte

nur geliebt,

was hüpft, klettert, überlebt und seufzt.

Falsch:

Mir sagten viele Dinge

vieles.

 

Nicht nur sie rührten mich

oder meine Hand rührte sie an,

sondern so dicht

liefen sie

neben meinem Dasein her,

dass sie mit  mir da waren

und so sehr da für mich waren

dass sie ein halbes Leben mit mir lebten

und dereinst auch einen halben Tod

mit mir streben.

 

 

 

 

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