Gärtnern

Aus Garten und Therapie

Gartentherapie in der Prävention mit Senior*innen und Menschen mit Demenz in stationären Pflegeeinrichtungen.

Der Umzug in ein Seniorenheim geschieht in der Regel unfreiwillig und schnell. Er passiert häufig nach einer akut aufgetretenen Erkrankung oder aufgrund von Ereignissen, bei denen keine Verbesserung des Gesundheitszustandes zu erwarten ist und Hilfe nötig wird. Der alte Mensch muss seine gewohnte und vertraute Umgebung verlassen, sich und sein Hab und Gut deutlich reduzieren und in der Regel seinen neuen Alltag mit Personen verbringen, mit denen er „freiwillig“ vermutlich wenig zu tun hätte. Hinzu kommt, dass seine Einschränkungen ihn zu einem nicht geringen Teil daran hindern, den Tag so zu strukturieren, wie er es gewohnt war oder wie er es möchte. Das führt nachvollziehbar zu Konflikten zwischen Wunsch und Realität.

Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass 50% aller Menschen die Räumlichkeiten eines Pflegeheims
nie und weitere 25% selten verlassen. Häufig müssen fortgeschritten an Demenz erkrankte
Menschen in geschützten Bereichen untergebracht werden. Aufgrund der Schwere ihrer Erkrankung
und daraus resultierender Symptome wie Einschränkung der Kommunikation und Sprache, Verlust des
Gedächtnisses, vor allem des Kurzzeitgedächtnisses, Veränderung von Wahrnehmung, Orientierung und Urteilsvermögen, Verhalten und Eigenverantwortung, sind sie rund um die Uhr auf die Betreuung und Fürsorge ihrer Familie und/oder des Personals angewiesen.

Laut § 5 des WTG (Wohn- und Teilhabegesetz 2014) muss für jeden Menschen die Teilhabe am Leben
in der Gesellschaft gesichert sein. Dazu gehört die Art des Wohnens genauso wie der Umfang von
Pflege und Betreuung. So gehört es u.a. zu den Aufgaben und Pflichten einer Einrichtung, innerhalb der Pflegeplanung, Aktivierungs- und Betreuungsprogramme für ihre Bewohner*innen anzubieten und ihnen Aufenthalte im Außenbereich zu ermöglichen. Biografische Bezüge zu Betreuungsangeboten sind sinnvoll und wünschenswert um Akzeptanz und Aktivität zu erreichen. Es obliegt den einzelnen Trägern und den Einrichtungsleitungen selbst, das gesetzlich festgelegte Mindestmaß oder den Mindeststandard im Sinne ihrer Bewohner*innen zu verbessern.

Gartentherapie

In meiner gartentherapeutischen Arbeit mit Senioren*innen und an Demenz erkrankten Menschen, liegt ein deutlicher Schwerpunkt in der Nutzung ihres Wissens und ihrer Erinnerung. Ein Großteil von ihnen hat in der Landwirtschaft gearbeitet, einen Garten oder Kleingarten bewirtschaftet, einen Balkon bepflanzt und/oder Zimmerpflanzen gepflegt. Dazu haben insbesondere unsere Seniorinnen ein großartiges, fundiertes Wissen im Anbau und der Verarbeitung von Gemüse, Kräutern und Obst.

…ist immer ressourcenorientiert

Für eine personbezogene Planung benötige ich Informationen aus der Biografie (Phytobiografie). Des Weiteren nutze ich das Wissen über vorhandene Defizite, um eine ressourcenorientierte Planung zu erstellen und beschriebene Ziele zu erreichen. Eine Zusammenarbeit mit Angehörigen, Betreuern und dem Pflegepersonal ist dabei von Vorteil.

Zu den gartentherapeutischen Zielen gehören:

  • Erhalt und Förderung von kognitiven Fähigkeiten, Erinnerung, Wissen
  • Erhalt und Förderung von Selbstwirksamkeit und Kompetenzen
  • Erhalt und Förderung von Mobilität und Motorik
  • Erhalt und Förderung sozialer Beziehungen und Gemeinschaft
  • Erhalt und Förderung von Lebensfreude

Diese werden erreicht durch:

  • Reize, die Neugier wecken und zum Handeln auffordern
  • Bearbeitung von Beeten, Hochbeeten, Kübeln und Balkonkästen
  • Säen, pflanzen, beobachten, pflegen, ernten und verarbeiten
  • Herstellung von jahreszeitlichen Dekorationen
  • Naturbeobachtungen im Jahresverlauf
  • Spaziergänge, Aufenthalte im Garten, Bewegungstraining
  • Förderung und Steigerung von Sinneserlebnissen in und mit der Natur, Pflanzen etc.,
  • Hörsinn – auditiver Reiz: Vogelstimmen, Insekten, Wind etc.
  • Geruchssinn – olfaktorischer Reiz: Duftpflanzen aller Art, Kräuter etc.
  • Geschmackssinn – gustatorischer Reiz: Beerenobst, Gemüse, Kräuter
  • Tastsinn – taktil-haptischer Reiz: durch Pflanzen und Früchte, die eine bestimmte Haptik vorweisen, z.B. Eselsohr, Moos, Mohnkapseln, Kastanien etc.
  • Sehsinn – visueller Reiz: Blumen, Blüten, Vögel, Insekten, Wolkenbilder, jahreszeitliche Beobachtungen im Garten, an Gehölzen etc..
  • Motorik – Betätigungen mit Geschicklichkeit der Arme und Hände (Auge/Hand Koordination)
  • Sensomotorik – stehen, hocken sitzen, Bewegungsplanung wie greifen, (Kraftdosierung) z.B. beim Bearbeiten der Beete, Blumenkästen oder Ernten von Blütenköpfen, Zupfen der Blätter etc.

Es ist schön, wenn es gelingt, einen Menschen wieder ins Handeln und somit in die Kompetenz zu bringen. Sein Fokus richtet sich weg von den Defiziten, hin zu vorhandenen Fähigkeiten. Dies stärkt das Selbstbewusstsein und fördert Stolz und Freude. Verantwortung wird übertragen, übernommen und gefördert. Das soziale Miteinander wird gestärkt und Kommunikation und Austausch erzielt. Motorische Fähigkeiten werden erhalten bzw. verbessert und alle Sinne angeregt. Und das alles in einer natürlichen Umgebung. So erweitert ein Garten den Lebensraum, als Ort zum Gedeihen von Mensch und Pflanze.

Studie DuWiGata

Zwischen Februar 2019 und März 2020 wurde von der IKK Classic, Innungskrankenkasse, in Zusammenarbeit mit der ILAG, Institut für Arbeit, Leistung und Gesundheit, die wissenschaftliche Studie DuWiGata – Durchführungsbedingungen und Wirkungsanalyse von gartentherapeutischen Maßnahmen bei demenziell erkrankten Bewohner*innen in Altenpflegeheimen – in Auftrag gegeben. Sie sollte die Wirkweise von Gartentherapie bei Menschen mit Demenz belegen. Die Ergebnisse waren eindeutig. Die Studie bestätigte, dass durch gartentherapeutische Maßnahmen die Abnahme der kognitiven Leistungsfähigkeit verlangsamt, die generelle Aufmerksamkeitshaltung gesteigert und emotionale Empfindungen deutlich positiv beeinflusst wurden. Wer nachlesen möchte, findet Informationen unter:
https://www.haup.ac.at/wp-content/uploads/2021/11/BauBau-Praesentation.pdf. Des Weiteren sind die genauen Studienergebnisse in o.g. Literaturhinweis nachzulesen.

Aus den Ergebnissen wurde ein Leitfaden zur Gartentherapie erstellt, der interessierten Trägern und Einrichtungen zur Verfügung gestellt wird. Dort sind erste wichtige Informationen enthalten. Er ist abrufbar unter: https://cdn.ikk-classic.de/exporter/13208-ikk-gartentherapie-good-practice-leitfaden.pdf

Gartentherapie in der Prävention – ein Projekt der IKK, ILAG und Gärten helfen Leben

Seit dem Jahr 2023 bietet die IKK classic sowie die IKK Süd-West in Zusammenarbeit mit der ILAG, Einrichtungen die Möglichkeit, Mitarbeiter aus dem Sozial- und Betreuungsdienst in Theorie und Praxis zu Gartentherapeutischen Assistenzkräften schulen zu lassen um Gartentherapie entsprechend der beschriebenen Voraussetzungen in ihrer Einrichtung einzuführen. Das Konzept zur Durchführung und den Inhalten in Theorie und Praxis wurde von GHL, Gärten helfen Leben, erstellt, siehe https://www.gaerten-helfen-leben.org. GHL stellt, bzw. vermittelt auch die Coaches, die für die praktische Umsetzung und Betreuung vor Ort in den Einrichtungen sorgen. Diese Coaches sind ausnahmslos weitergebildete und IGGT registrierte und zertifizierte Gartentherapeut*innen, sichern die Qualität dieser Schulung und sind die direkten Ansprechpartner*innen für die Teilnehmer*innen aus den Einrichtungen. Spannende Weiterbildungsinhalte aus den grünen und weißen Bereichen werden durch Webinare und Praxiseinheiten innerhalb eines Jahres vermittelt. Dazu gehören z.B. gärtnerische Grundlagen wie z.B. die Auswahl von Pflanzen, Pflanzenverwendung, Pflanzenvermehrung, Bodenkunde und Pflanzenschutz. Zu den medizinischen Grundlagen gehören u.a. die Grundfunktionen wie Bewegung, Wahrnehmung, Sinne, psychische Funktionen und die Förderung psychischer Gesundheit.

Ein voller Erfolg

Bisher haben rund 100 Einrichtungen in Deutschland von dieser IKK finanzierten Weiterbildung profitiert und Gartentherapie zum festen Bestandteil ihres Betreuungsangebotes gemacht. Dazu gehören stationäre Einrichtungen wie auch Tagespflegeeinrichtungen. Im Jahr 2026 gehen rund 30 neue Einrichtungen an den Start. Wir wünschen gutes Gelingen viel Erfolg und allen Teilnehmer*innen und Bewohner*innen einen grünen Daumen.

Bewerbungen für 2027 nimmt Gärten helfen Leben ab sofort entgegen. Auch für Informationen zu Teilnahmevoraussetzungen, Bewerbung und Konzept steht GHL gerne zur Verfügung. Kontaktadresse: carmen.feldhaus@gaerten-helfen-leben.org oder info@gaerten-helfen-leben.com





2 Kommentare zu „Aus Garten und Therapie

    1. Liebe Annette, vielen Dank für deine Rückmeldung. Wir sind optimistisch, dass es fortgeführt wird und langfristig auch andere Bereiche wie z.B. Menschen mit Beeinträchtigungen, Kinder, davon profitieren können.

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