Tierisches

Neuigkeiten aus dem Hühnerstall

Darf ich vorstellen? Das ist Marlene Fischer. Als sie im Schaubrüter unseres Rassegeflügelzuchtvereins am 2. Mai 2023 in einer Tagesbetreuungseinrichtung der AWO in Gevelsberg aus dem Ei schlüpfte, war sie ein hübsches blondes Küken mit braunen und weißen Federspitzen an den kleinen Flügeln. Mein Enkel Theo (7) gab ihr den Namen. Eigentlich hatte er bei der Namensgebung an Helene Fischer gedacht, aber der korrekte Vorname unseres beliebten Schlagerstars war ihm wohl nicht eingefallen. So blieb es bei Marlene.

Heute, 6 Monate später,  ist aus dem einst blonden Küken ein stattliches Huhn geworden. Das Federkleid ist braun mit kleinen weißen und schwarzen Punkten. „Frau Fischer“ gehört zur Rasse der Sussex, Farbschlag porzellanfarbig.

Vor gut 12 Jahren begann meine Leidenschaft für das Federvieh. Die Kinder waren aus dem Haus und andere Haustiere gab es zu diesem Zeitpunkt keine. Während die Eltern anderer Nestflüchter Volkshochschulkurse belegten, sich sportlich betätigten oder einfach Ruhe gönnten, begann ich mit der Hühnerhaltung.

Meine ersten Hühner gehörten zur Rasse der New Hampshire. Ein Hahn und sechs Hennen. Leider lebt aus diesem ersten Stamm keines der Tiere mehr, aber nachfolgende Generationen sind eingezogen und so habe ich habe im Laufe der Jahre viel über Hühner gelernt, beobachtet und von den Erfahrungen und Erzählungen anderer Hühnerhalter und unserer Rassegeflügelzüchter profitiert.  

Hühner sind sehr gesellige Tiere. Sie leben in einer vielschichtigen Sozialstruktur, die man als Hackordnung bezeichnet. Hühner schließen feste Freundschaften und machen auch aus Abneigungen keinen Hehl. In jedem Huhn steckt ein Individuum mit einem ganz eigenen Verhalten, einer eigenen Persönlichkeit und Intelligenz, wie in anderen Tieren auch.

Hühner kommunizieren in mehr als zwanzig verschiedenen Lauten und Tönen mit denen sie Ereignisse und Informationen weitergeben. Sie stehen beinahe ständig miteinander in Kontakt. Hört man ihnen zu, weiß man irgendwann zwischen belanglosen und ernsten Themen zu unterscheiden. So warnen sie ihre Artgenossen auch über drohende Gefahren aus der Luft und am Boden. Sie sind in der Lage, bis zu 100 Artgenossen anhand des Aussehens und der Stimme auseinanderzuhalten und wiederzuerkennen.

Foto Stefan Jäger

Sie können Farben erkennen. Besonders liegt ihnen die Farbe rot. Gehe ich mit lackierten Nägeln in das Gehege, picken sie begeistert darauf herum. Hühner sehen jedoch nur bei gutem Licht. In der Dunkelheit sind sie nachtblind und können sich kaum mehr orientieren. Das Gleiche passiert bei Schnee. Meine Tiere bleiben wie angewurzelt unter dem Dachvorsprung des Stalls stehen und setzen kaum eine Kralle in die weiße Pracht.

Glucken, die auf ihren Eiern sitzen um diese auszubrüten, nehmen über verschiedene Laute schon frühzeitig Kontakt zu den Küken auf. Auch untergelegte, fremde Eier werden angenommen. Sie empfinden zu dem Zeitpunkt bereits Empathie mit dem werdenden Leben. Droht Gefahr, ändern sie ihre Körperhaltung und ihr Verhalten. Hühner lieben ihren Nachwuchs, kümmern sich, führen und beschützen ihn. Ebenso sind sie in der Lage, Trauer und Schmerz zu empfinden. Da sind wir Menschen aufgefordert, in Tieren mehr als ein Lebensmittel oder eine Ware zu sehen, sondern sie als Lebewesen mit individuellen Eigenschaften und Charakteren wahrzunehmen und anzuerkennen.

Hühner sind in der Lage, ihre Artgenossen gewitzt zu täuschen. Hähne geben manchmal den Laut für gefundene Nahrung von sich, obwohl sie gar nichts entdeckt haben. Dies dient dazu, weibliche Tiere anzulocken und auf diese Weise für sich zu gewinnen. Man(n) kann es ja mal versuchen.  

Wenn ein Huhn beobachtet, wie ein anderes Huhn, dessen Rang in der Hackordnung es kennt, mit einem fremden Huhn agiert, schließt es aus dessen Verhalten, ob es selbst in der Hierarchie über oder unter dem unbekannten Tier steht und richtet sein Verhalten danach aus. Das macht es neuen Tieren, die in eine bestehende Gruppe integriert werden sollen, oft nicht einfach. Häufig dauert es Tage bis Wochen, bis eine neue Ordnung hergestellt und akzeptiert ist. Tatsächlich setze ich neue Tiere immer am Abend, in der Dunkelheit, zu den Alttieren dazu. Die Neuen nehmen auf diese Weise den Stallgeruch schon einmal an und die Integration fällt – hoffentlich – etwas leichter.

Versteckt man z. B. Futter, verstehen die Tiere, dass dieses noch vorhanden ist und machen sich auf die Suche. Kognitive Fähigkeiten sind vorhanden und wissenschaftlich nachgewiesen. Hühner können Probleme lösen, sich an Vergangenes erinnern und daraus lernen.

Mein Enkel Theo trainiert regelmäßig mit unseren Hühnern. Er richtet Parcoure ein, lässt die Tiere balancieren und bringt ihnen kleine Kunststückchen bei. Lediglich bei Marlene Fischer klappt das nicht. So sagte Theo kürzlich ganz entrüstet: „Oma, dein Huhn kann sich einfach nichts merken. Es lernt einfach nix.“

Stimmt! Ist mir auch schon aufgefallen. Aber dafür ist es zutraulich, sanft und hat gute Manieren. Marlene ist das einzige Huhn, welches das Körnerfutter mit Bedacht pickt und zu „kauen“ scheint, bevor sie es hinunterschluckt. Sie ist und bleibt eben ein Individuum mit ihren ganz eigenen Besonderheiten. 

Hinweis:

Der RGZV Schwelm 1893, siehe www.rgzvschwelm.com, hat in diesem Jahr einen Schaubrüter angeschafft, der Kindergärten, Schulen, Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen oder Seniorenheimen zur Verfügung gestellt werden kann. Für die Dauer von etwa 21 Tagen, vom Einlegen der Eier bis zum Schlupf der Küken, können die Teilnehmer erleben, wie sich das Leben in einem Ei entwickelt. Professionelle Unterstützung und Begleitung wird während dieser Zeit vom Verein gewährleistet. So wird der Brüter gemeinsam mit den Mitarbeitern der Einrichtung eingerichtet, Vorgänge erklärt, die idealen Brutbedingungen durch richtige Temperatur und Luftfeuchtigkeit geschaffen und die Bruteier eingelegt. Diese werden vom Verein zur Verfügung gestellt und die Küken nach dem Schlupf übernommen, wenn nicht andere Absprachen gelten. Bebrütet wird jedoch nur, wenn die Aufzucht und Pflege von tierlieben Menschen in einer artgerechten Umgebung gewährleistet ist. Am 7. und am 14. Tag werden die Eier dann geschiert (durchleuchtet). Das ist sehr spannend, weil man nicht nur die Entwicklung vom Embryo bis zum Küken selbst, sondern auch Bewegungen erkennen kann. Außerdem wird deutlich, welche Eier befruchtet sind. In der Regel schlüpfen die Küken pünktlich am 21. Tag.

Herzlich willkommen in unserem Leben 🙂

8 Kommentare zu „Neuigkeiten aus dem Hühnerstall

  1. Die Fotos von den Hühnern und ihren kleinen Abenteuern sind einfach entzückend. Es ist offensichtlich, dass ihr nicht nur über eure Erfahrungen schreibt, sondern dass euer Hühnerstall ein Ort voller Liebe und Fürsorge ist.

    Vielen Dank fürs Teilen eurer Geschichten. Ich freue mich schon auf weitere Updates aus eurem charmanten Hühnerstall!

    Lg

    Maria

    Like

    1. Liebe Maria, vielen lieben Dank für dein Kommentar! Ich möchte meine Hühner nicht mehr missen. Sie bereichern und begeistern mich immer wieder aufs Neue. Gerne lassen wir dich an unseren Hühnergeschichten teilhaben. Liebe Grüße sendet Carmen.

      Like

    1. Liebe Ynnette, es ist eine kleine Hühnerschar mit aktuell 2 Hähnen und acht Hennen aus 4 verschiedenen Rassen. Ich hoffe, dass die Tiere sich bei uns wohlfühlen. Wir geben uns jedenfalls Mühe und kümmern uns gerne :-). Ich als Oma freue mich, dass Theo so viel Spaß am den Hühner hat.

      Like

  2. Super Beitrag, den ich gerade an meine Tochter in Australien weitergeleitet habe, die dort Huhner hält. Viele Grüße Renate Beckers

    Like

    1. Liebe Frau Beckers, ich freue mich, dass mein Beitrag gefällt. Hühnerhaltung macht echt Spaß und so nebenbei schmecken die Eier aus dem eigenem Stall einfach wunderbar. Herzliche Grüße an Ihre Tochter in Australien!

      Like

  3. Vielen Dank für diesen unterhaltsamen Artikel liebe Carmen. Dieser weckt für Menschen ohne Huhnkontakt ordentlich Symphatie.
    Auch die Fotos sind allerliebst.
    Liebe Grüße in den Hühnerstall!
    Petra

    Like

    1. Hallo liebe Pe, ich freue mich sehr über dein Kommentar! Hühner sind auch wirklich äußerst sympathische Tiere und ihre Haltung macht viel Spaß. Ich freue mich, wenn ich die Liebe zum Huhn über den Beitrag „rüberbringen“ kann.

      Like

Hinterlasse eine Antwort zu Ynnette Antwort abbrechen

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..