Er krallt sich in dein Herz und wenn er seinen Dorn einmal in dein Innerstes geritzt hat, bleibt dir seine Wirkung in Erinnerung. Man muss ihn lieben. Daher öffne ich mein Herz heute für den Weißdorn.

Botanisch ‚crataegus‘ stammt aus dem Griechischen und bedeutet stark. Damit ist erst einmal sein Holz gemeint. Es ist hart und bestens geeignet für Drechslerarbeiten und das Bogenschießen. Mit seinem filigranen Gehölz, was durchaus eine dichte Krone bildet, ist er jedoch nur mühselig zu bearbeiten.

Er sieht aus wie aus dem Märchen entstanden. Wenn im Winter die Welt trist und eintönig geworden ist, leuchten seine roten Früchte an den von bunten Flechten überzogenen Ästen. Er sitzt am Straßenrand und leuchtet im Frühjahr mit seinen üppigen, weißen *Blüten, wie weiße Wölkchen, die später beim Abfallen an Schneeflocken erinnern. Allerdings ist der intensive, leicht fischige Geruch der Weißdornblüten nach **Trimethylamin eher unangenehm, Fliegen sehen das anders. Sie werden davon magisch angezogen.

Der Weißdorn verbindet auf dem Friedhof die Lebenden und die Toten und grüßt Spaziergänger und Radfahrer im Vorbeirauschen. Wer in sein Dickicht gerät, fühlt sich ein wenig wie Dornröschen, die einst durch ihn in einen hundertjährigen Schlaf fiel. Durch perfide Abwehrstrategien weiß der Weißdorn seine Schönheit zu verteidigen. An den jüngeren Trieben befinden sich rund 1 cm lange spitze Dornen, die vor Fressfeinden und unbedacht greifenden Händen schützen. Erbarmungslos setzt er hier seine Stichwaffe ein.

In der römischen Antike einst heilig, umfriedete er, aufgrund seiner Langlebigkeit und guten Schnittverträglichkeit lange als Heckenpflanze Felder und Hof, um Vieh zu schützen, aber auch böse Geister abzuwehren oder vor Verhexung abzuschirmen. Nachdem er jahrhundertelang unser Landschaftsbild prägte, musste er vor allem in Mitteleuropa in der Mitte des 20. Jahrhunderts oft den großen Landmaschinen weichen. So verschwanden viele wertvolle Naturräume. Inzwischen hat ein vorsichtiges Umdenken begonnen und er bildet auch hierzulande gerne wieder sogenannte ***Strauchgesellschaften mit der Brombeere, Heckenrose oder Schlehe. Ein sicherer Ort für Wildbienen, Vögel, Mäuse oder Hasen.
Zwischen dem turbulenten Außen und hoffentlich entspannteren Drinnen sorgt dieses Rosengewächs mit seinem fast undurchdringlichen Dickicht für Frieden (umfrieden) auch in dir. Es sorgt für das gleichmäßige Schlagen deines Herzens. Mit seinen bizarren Verästelungen, ähnlich wie sich unsere Blutgefäße im Körper verästeln, könnte man hier eine Analogie zum Blutkreislauf vermuten, unterstützt durch die rote Farbe der Früchte.

Die Knospenansätze reihen sich im Frühjahr wechselständig, wie rote Perlchen um die Äste. Heilkundige blicken verstärkt auf diese Knospen (Gemmotherapie). Sie helfen wie die gesamte Pflanze bei Herzerkrankungen. Wir verwenden Blüten, Früchte und Blätter der Pflanze. Für den höchsten Wirkstoffgehalt sammeln wir diese zum Zeitpunkt der Blüte. Eine sanfte Trocknung ist wichtig, sonst verliert der Weißdorn seine Kraft.

Weißdorn ist ein Heilmittel, das ein Lebensmittel ist oder ein Lebensmittel, das ein Heilmittel ist. Iss, was dir gut tut. In der Küche ist die Zubereitung der Früchte im Herbst mit Apfel oder Hagebutte als Mus verkocht ein Feuerwerk der Farbe. Auch als Marmelade, Sirup, Gelee, Oxymel, Likör, Wein oder Brotzutat, gerne im Verbund mit Holunderbeeren und gewürzt mit Zutaten, die zum Lebkuchen passen. Nach dem Genuss lässt dein Immunsystem sozusagen Abwehrhecken wachsen.
Alte Kräuterbücher beschreiben den Weißdorn als Seelenpflanze, wobei nicht genau bekannt ist, welche Pflanze die Autoren meinten. Es könnte auch der Feuerdorn oder der Schwarzdorn gemeint sein. Erst ab dem 19. Jahrhundert wird der Weißdorn nach langem Schlaf von Gelehrten wachgeküsst und heute gibt es selbst im Supermarkt Weißdornpräparate. Die Pflanze erobert die Herzen im Sturm und auch die Schulmedizin kennt die Pflanze als Herz-Prophylaxe mit sanfter Wirkung an. Es sind die oligomeren Procyanidine und Flavonoide, die dafür sorgen, dass sich die Durchblutung der Herzkranzgefäße und des Herzmuskels verbessern und die Kontraktionsfähigkeit des Herzens positiv beeinflussen. Damit kann er das Altersherz dauerhaft stärken und zu mehr Leistungsfähigkeit verhelfen. Der Weißdorn gilt als Einschleuserpflanze, wenn Mineralstoffe und Spurenelemente nicht richtig aufgenommen werden können.

Er wirkt still und nachhaltig, was bedeutet dass es ein wenig Zeit braucht, bevor er seine positiven Effekte im Körper verbreiten kann. Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen mit chemisch-synthetischen Arznei- oder Lebensmitteln sind nicht bekannt.
Herzergreifend: Im Jahr 2019 erhielt der Weißdorn die Auszeichnung zur Heilpflanze des Jahres, was die Volksmedizin schon lange auf dem Schirm hatte. Inzwischen ist er die Herzpflanze schlechthin. Herz-Kreislauferkrankungen sind heute die häufigste Todesursache in der westlichen Welt. Weißdorn wirkt bei allen Zivilisationskrankheiten, die durch falsche Ernährung, Stress und wenig Bewegung auftreten. Er ist einfach die perfekte Pflanze in den geschäftigen Zeiten, wirkt bei Rhythmus- und Durchblutungsstörungen, Herzklopfen. Er wirkt beruhigend und fördert den Schlaf. Er hilft auch Kindern, die Konzentrationsschwierigkeiten zeigen oder Ängste entwickeln.
Der Weißdorn geht auch zu Herzen, wenn wir etwas auf dem Herzen haben, uns etwas zu Herzen nehmen. Er heilt auch gebrochene Herzen, er begleitet dich, wenn du viel Herz in Menschen oder Dinge investierst und hilft dir, dich abzugrenzen. Wie eine Hecke schützt er dich und gibt dir Lebenskraft zurück, löst Blockaden und hilft dir, wieder zu dir zu finden.


Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.
Antoine de Saint-Exupéry; Der Kleine Prinz
Vielleicht ist die bekannte Textstelle ein Bezug auf den Weißdorn, die Schutzpflanze, in dessen Wesen seine unsichtbare, starke Wirkung auf unser Herz liegt.
* Man unterscheidet den Eingrifflichen Weißdorn, dessen Fruchtknoten im Regelfall nur einen Griffel hat und somit eine Frucht ausbildet, vom Zweigrifflichen, der meist zwei Griffel, und somit zwei Früchte trägt.
** Es handelt sich um eine Ammoniakverbindung, die nicht unbedingt als Aphrodisiakum wirkt, uns aber trotzdem nicht unbedingt abstößt, ist sie auch im Ejakulat und Vaginalsektret enthalten. Vielleicht nur ein Gedankenspiel?
** Der Schwarzdorn (dunkle Rinde) und der Weißdorn (helle Rinde) mögen sich überhaupt nicht. Stehen sie nebeneinander, zieht der Schwarzdorn den Kürzeren.